Impuls von Lukas und Diana Schreiber

22. Mai 2010: Diana und Lukas Schreiber
„…vor allem aber mein Herz“ – Personale Bindungen
– Einführung –
L Liebe Familien,
sehr geehrte Damen und Herren!
Wenn sich ein Kongress katholischer Ehepaare und Familien mit personalen Bindungen beschäftigt, dann ist das ungefähr so, als wenn sich ein Kongress von Delphinen mit dem Meer beschäftigt.
Personale Bindungen – das ist für uns nicht irgendein Thema. Sondern das ist natürlich unser zentrales Thema. Hier reden wir über den Lebensraum, in dem wir uns bewegen, die Luft, die wir atmen – oder wenn Sie so wollen: das Wasser, in dem wir schwimmen.
I.
Aber personale Bindungen, die sich in einen Bindungsorganismus einfügen, sind für uns alle, die wir hier versammelt sind, noch mehr: Sie sind unser Spezialgebiet, sie sind der Bereich, für den uns der liebe Gott berufen hat, Experten zu sein, und zwar in einer dreifachen Weise:
Wir sind erstens berufen, Expertinnen und Experten für personale Bindungen zu sein, weil wir zu einem Leben in Ehe und Familie berufen sind.
Wir sind zweitens berufen, Expertinnen und Experten für personale Bindungen zu sein, weil wir in die Nachfolge Jesu Christi berufen sind. Jesus lässt keinen Zweifel daran, dass es für das Leben in seiner Nachfolge von entscheidender Bedeutung ist, wie wir unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen gestalten.
Liebe Familien, wir sind drittens berufen, Expertinnen und Experten für personale Bindungen zu sein, weil wir als Schönstattfamilien zu geistlichen Kindern unseres Gründers Pater Kentenich berufen sind. Personale Bindungen sind für die von ihm geprägte Spiritualität Schönstatts der Angelpunkt, an dem alles andere aufgehängt ist und um den herum sich alles rankt.
D Wir möchten Ihnen heute zum Einstieg in unser Tagesthema drei Zugänge aus der Fülle der Geistigkeit unseres Gründers anbieten:
1. Ein erster Zugang:
In der „Werktagsheiligkeit“, in der Pater Kentenich selbst so etwas wie das Standardwerk der schönstättischen Spiritualität gesehen hat, leitet unser Gründer sehr umfassend und gründlich aus dem Neuen Testament die zentrale Bedeutung der Nächstenliebe für uns Christen her. Und dann sagt er über den Werktagsheiligen:
„Nachdem er aber um die außerordentliche Hochschätzung und Empfehlung der Nächstenliebe von seiten des Heilandes und dadurch von ihrer Bedeutung für das ganze geistliche Leben genauer Bescheid weiß, sieht er … gerade in der Pflege einer gottgefälligen Menschengebundenheit das Kabinettstückchen seines Heiligkeitsstrebens.“ (Werktagsheiligkeit, S. 179)
Ist das nicht ein schönes Wort: Menschengebundenheit, personale Gebundenheit als „Kabinettstückchen“ unseres Heiligkeitsstrebens. Was ist ein „Kabinettstückchen“? Das ist etwas, was man besonders gut kann, worin man besonders gut ist, eine Spezialität. Also einfach ausgedrückt: Wir Schönstätter, wir sollen besonders gut sein, wir sollen Spezialisten sein im Aufbau und in der Pflege von personalen Bindungen. Ein hoher Anspruch!
L 2. Ein zweiter Zugang
kommt von der negativen Seite: Pater Kentenich weißt immer wieder auf das Phänomen der Bindungslosigkeit als eine der zentralen Probleme unserer Zeit und auf die damit verbundenen Gefahren hin. Wir leben ja in der Zeit eines ständig sich beschleunigenden gesellschaftlichen Wandels. Wenn wir uns nur einmal vor Augen führen, wie sehr technische Weiterentwicklungen alleine innerhalb der letzten zehn Jahre die Alltagsgewohnheiten nachhaltig verändert haben. Denken wir an den Einzug des Internets und des Email-Verkehrs in nahezu jeden Privathaushalt. Denken wir an den Einzug des Mobiltelefons in nahezu jede Hand- oder Hosentasche. Oder an die Ausstattung unserer Autos mit Navigationsgeräten. Die Globalisierung der Gesellschaft mit ihren nachhaltigen Folgen für jeden von uns ist eine weitere Facette des beschleunigten Wandels in unserer Zeit. Man könnte noch viele weitere Lebensbereiche durchbuchstabieren.
Die Rahmenbedingungen unseres Lebens ändern sich ständig, und die Veränderung wird immer schneller. Das führt zu einer grundlegenden Unsicherheit und zu der Überzeugung: Was wir gestern gelernt haben, können wir morgen wahrscheinlich schon nicht mehr anwenden. Die angemessene Strategie für den modernen Menschen unter diesen Bedingungen heißt: Flexibilität, Mobilität, Ungebundenheit. Der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann spricht von einer „Relativierung aller sozialen Verbindlichkeiten“: Die „Widerrufbarkeit oder zeitliche Befristung persönlicher Verpflichtungen [werde] zur strategischen Maxime“ des modernen Menschen (Kaufmann 1990: 408).
Unser Gründer sieht genau diese Problemlage unserer Zeit schon sehr früh, und er baut in diese Zeit hinein sein Konzept einer konsequenten Bindungspädagogik. In seinem „Grundriss einer neuzeitlichen Pädagogik“ heißt es: „Die Bindungspädagogik antwortet auf die Bindungslosigkeit, auf die allseitige Wurzellosigkeit und Nestentbundenheit des heutigen Menschen. Es sind diese alles Entbundenheiten, die das furchtbarste Klima für die Zeugung und Entfaltung des Kollektivmenschen darstellen. Verneinung und Nichtbeachtung der menschlichen Bindungen machen in der Wurzel charakterlos, seelenlos und deswegen religionslos.“ (J.K., Grundriss einer neuzeitlichen Pädagogik, 1950, zit. nach King, Durchblick Bd. 5, S. 504) Das ist eine deutliche Absage an jede vergeistigte, individualistische Frömmigkeit, die vor lauter geistlicher Tiefe die Menschen um sich herum vergisst. Nach der Überzeugung unseres Gründers können wir überhaupt nur religiöse, das heißt gottgebundene Menschen sein, wenn wir die Menschen um uns herum beachten, wahrnehmen, ernst nehmen und Bindungen, das heißt ver-bind-liche Beziehungen zu ihnen schaffen und pflegen.
D 3. Einen dritten Zugang
bietet das bekannte Zitat aus der Vorgründungsurkunde von 1912, dem unser heutiges Tagesmotto „ … vor allem aber mein Herz“ entnommen ist. Vielleicht lassen Sie sich das Zitat einmal im Hinblick auf seine Aussagen über personale Bindungen auf der Zunge zergehen. Pater Kentenich sagt dort über sich selbst:
„Da kommt nun meine Ernennung zum Spiritual – ganz und gar ohne mein Zutun. Es muss also wohl so Gottes Wille sein. Darum füge ich mich, fest entschlossen, alle meine Pflichten euch allen und jedem einzelnen gegenüber aufs vollkommenste zu erfüllen. Ich stelle mich euch hiermit vollständig zur Verfügung mit allem, was ich bin und habe: mein Wissen und Nichtwissen, mein Können und Nichtkönnen, vor allem aber mein Herz.“ (J.K., Vorgründungsurkunde, 27.10.1912)
„Da kommt nun meine Ernennung zum Spiritual“ – Pater Kentenich hat sich diese Position nicht ausgesucht. Und wir wissen, dass es nicht gerade seine Traumstelle war. Er wollte ja eigentlich Missionar werden. Der junge Pater hat sich das nicht ausgesucht. Und schon gar nicht hat er sich die jungen Kerle ausgesucht, die da vor ihm saßen. Aber für ihn ist völlig klar: „Es muss also wohl Gottes Wille sein.“ Und dann: „Ich stelle mich euch … vollständig zur Verfügung mit allem, was ich bin und habe … vor allem aber mein Herz.“
So ist das doch auch in unserem Leben. Wir suchen uns die Menschen, mit denen wir zu tun haben, in der Regel nicht aus. Unsere Nachbarn suchen wir uns nicht aus. Unsere Kolleginnen und Kollegen suchen wir uns normalerweise nicht aus. Unsere Eltern, Geschwister, ja unsere Kinder suchen wir uns nicht aus. Die einzige Ausnahme im Verwandtenkreis ist der Ehepartner. Den haben wir uns ausgesucht. Allerdings gehen wir auch bei ihm im Vorsehungsglauben davon aus, dass der liebe Gott uns beide zusammengeführt hat.
Wir suchen uns also die Menschen um uns herum nicht aus. Und mit Pater Kentenich können wir mit Blick auf jede Begegnung mit jedem einzelnen sagen: „Es muss also wohl Gottes Wille sein.“ Und dann folgt ein kraftvolles „Ja“ zu diesem Menschen, den mir der liebe Gott jetzt vor die Nase gesetzt hat. Ja, du darfst mir rechnen. Ja, mit dir will ich verbunden sein, an dich will ich gebunden sein. Ich stelle mich dir zur Verfügung mit allem, was ich bin und habe – „vor allem aber mein Herz“.
Liebe Familien, in den ausgewählten drei Zugängen ist nun die grundsätzliche Bedeutung von personalen Bindungen für uns als Schönstattfamilien ein wenig aufgeleuchtet. Was sagt uns unser Gründer?
Erstens: Menschengebundenheit ist das Kabinettstückchen unseres Heiligkeitsstrebens.
Zweitens: Nichtbeachtung der menschlichen Bindungen macht charakterlos, seelenlos und deswegen religionslos.
Drittens: Nicht wir selbst, sondern Gott hat die Menschen ausgesucht, die uns begegnen. Und wir antworten mit einem kraftvollen „Ja.“ Wir schenken ihnen, was wir sind und haben, vor allem aber unser Herz.
II.
L Nun wollen wir heute nicht beim Grundsätzlichen stehen bleiben. Sondern wir wollen konkret werden. Wie geht das, wie bauen wir Beziehungen auf, und wie pflegen wir sie? Jesus selbst gibt uns im Johannesevangelium eine sehr einfache, aber tiefsinnige und umfassende Antwort: Liebt einander so, wie ich euch geliebt habe. (vgl. Joh 13,34) Und zwei Kapitel weiter heißt es: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt.“ (Joh 15,9) In diesen beiden Sätzen haben wir die Grundlage des gesamten personalen Bindungsorganismus oder auch Liebesorganismus: Gott, der Vater, liebt seinen Sohn Jesus. Und Jesus leitet dieselbe Liebe, die der Vater auf ihn übertragen hat, an die Menschen weiter. Wie der Vater seinen Sohn Jesus liebt, so liebt Jesus die Menschen. Und jetzt geht es weiter. Wie Jesus die Menschen liebt, so sollen auch wir Menschen uns gegenseitig lieben. Wir haben in der Taufe und in der Firmung den Heiligen Geist empfangen, der ja nichts anderes ist als diese Liebe zwischen Vater und Sohn. Und in dieser Liebe sollen wir nun mit den Menschen um uns herum ein Netz knüpfen.
Das ist übrigens der Vorgang, den Pater Kentenich mit Übertragung und Weiterleitung bezeichnet. Der Vater überträgt seine Liebe auf den Sohn. Und der Sohn leitet die Liebe weiter zu den Menschen. Und dann die Menschen untereinander. Die Mutter liebt ihr Kind. Und in dieser Liebe wirkt der Heilige Geist. Also ist die Liebe der Mutter zu ihrem Kind auch die Liebe Gottes. Das Ganze geht dann in beide Richtungen. Das Kind liebt die Mutter. Diese Liebe ist eine absolute, eine bedingungslose Liebe. Es ist letztlich die Liebe zu Gott, die so in dem Kind wächst. Und die gläubige Mutter leitet die Liebe, die sie vom Kind empfängt, in Form von Dankbarkeit an Gott weiter.
Im Blick auf das Sakrament der Ehe wir das Ganze jetzt noch interessanter. Im Sakrament unserer Ehe ist Christus in besonderer Weise gegenwärtig. Das heißt, unsere Begegnung miteinander in der Ehe ist immer unmittelbar auch eine Begegnung mit Christus. In der Liebe des Partners erfahren wir unmittelbar die Liebe Christi. Wenn wir jetzt noch einmal den Satz aus dem Johannesevangelium hören: „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13,34), dann heißt das, wir dürfen uns die eheliche Liebe zum Vorbild nehmen für die Gestaltung unseres gesamten Bindungsorganismus. Oder anders ausgedrückt: Wie dich deine Frau liebt, so sollst du auch die Menschen in deinem Umfeld lieben.
D Wir schauen also auf unsere eheliche Liebe, auf die Art wie wir miteinander umgehen. Und dann übertragen wir die Liebe zwischen uns auf unsere Kinder, auf unsere Nachbarn, auf unsere Kolleginnen und Kollegen und so weiter.
Das ist die Methode des heutigen Tages. An sechs unterschiedlichen Stationen schauen wir uns jeweils einen Teilaspekt an, einen Lebensvorgang, der zu unserer ehelichen Beziehung gehört und der gesunde Beziehungen wachsen und reifen lässt. Das soll uns Inspiration für die Gestaltung unserer ehelichen Liebe geben und gleichzeitig für die Gestaltung des gesamten Beziehungsnetzes um uns herum.
Ein erster Vorgang heißt
„Ich lasse dich spüren, dass ich dich mag“
Das kennen wir als Eheleute gut. Es genügt nicht, dass wir uns irgendwann einmal unsere Liebe gestanden haben und irgendwann geheiratet haben.
Liebe lebt von Zeichen. Liebe lebt von Aufmerksamkeiten, von Zärtlichkeiten und so weiter.
Genau diese Zeichen und Zärtlichkeiten lässt Gott uns ja auch täglich zukommen. Es gehört für uns Schönstätter zu den täglichen geistlichen Übungen, nach den Spuren Gottes im Alltag zu suchen. Und unser Gründer rät uns, dass wir „wieder und wieder schwimmen in den Wohltaten Gottes“.
Ein zweiter Vorgang:
„Ich sehe dich groß“
Wir staunen über den anderen. Wir entdecken im Partner Fähigkeiten, die wir selbst nicht haben. Und wir freuen uns daran.
Die Größe des anderen macht uns ehrfürchtig. Und wir sehen in ihr einen Abglanz von der unermesslichen Größe Gottes.
L Ein dritter Vorgang:
„Ich glaube an dich“
Wir waren vor zwei Wochen zur Erstkommunionfeier unserer Patenkinder in Hamburg eingeladen. Im Gottesdienst haben die Kinder an verschiedenen Stellen, wie zum Beispiel zu den Kyrie-Rufen, zu den Fürbitten usw. Gebete vorgetragen, die sie zuvor selbst formuliert und aufgeschrieben hatten. Dabei hat uns besonders der schlichte Satz eines Jungen bewegt, den dieser zur Danksagung vortrug. Der Junge betete: „Guter Gott, ich danke dir, dass du an mich glaubst.“
Welch eine Glaubensaussage dieses Kommunionkindes. Wir glauben an Gott, selbstverständlich. Und wir bekennen das zumindest in jedem Sonntagsgottesdienst. Aber Gott glaubt auch an uns. Ist das nicht ein starker Satz?
Im Sinne des Gesetzes der Übertragung und Weiterleitung können wir frei nach dem Johannesevangelium formulieren: „Wie der Vater an mich glaubt, so glaube auch ich an euch“, und: „Wie ich an euch glaube, so sollt auch ihr aneinander glauben.“
Ich glaube an dich – was für eine Kraft geht von diesem Satz aus!
Eng damit verwandt ist ein viertes Wort, ein vierter Vorgang:
„Ich halte zu dir“
In seinem „Grundriss einer neuzeitlichen Pädagogik“ stellt Pater Kentenich schon 1950 fest: „Wie leidet der heutige Mensch unter seinen Schwächen, nicht bloß unter seinen Sünden! Wenn ich ihm aber den Weg in die Arme Gottes weise, ist das ein emporbildendes Verstehen.“ (J.K., Grundriss einer neuzeitlichen Pädagogik, 1950, zit. nach King, Durchblick Bd. 5, S. 507)
Diese Beobachtung können wir doch heute permanent machen: Der moderne Mensch leidet unter seinen Schwächen. Im Berufsleben, in der Familie, im Haushalt, in der Pflege von Kontakten, bei der Ernährung, bei der Sorge um unsere Gesundheit und unsere sportliche Fitness – überall haben wir hohe Ansprüche an uns selbst. Für alle diese Bereiche wissen wir aus zahlreichen Studien, wie man sich idealerweise zu verhalten hat. Und wir bleiben hinter unseren eigene Ansprüchen zurück. Burn out heißt eine verbreitete Krankheit unserer Zeit. Was heißt „burn out“? Ich schaffe es nicht mehr. Ich bin am Ende mit meiner Kraft. Ich kann nicht all den Ansprüchen permanent genügen.
Und jetzt sagt mir jemand: „Ich halte zu dir!“ Und zwar nicht, weil du dieses und jenes leistest, weil du den Ansprüchen genügst, deinen eigenen, meinen und denen der anderen, sondern einfach weil du es bist. Du kannst dich auf mich verlassen, ich halte zu dir.
D Ein fünfter Vorgang:
„Jetzt bist du dran“
Liebe Familien, in diesem kurzen Satz kommt zum Ausdruck, welchen immensen Vorteil wir als gläubige Menschen bei der Gestaltung unserer Beziehungen haben im Vergleich zu Menschen, die nicht religiös sind.
Für uns gibt es immer noch ein Mehr, einen Größeren. Wir stehen – gerade auch in unserer ehelichen Beziehung – nicht unter dem gigantischen Druck, füreinander immer perfekt sein zu müssen. Ich gehe ganz selbstverständlich davon aus, dass der andere nicht perfekt ist, dass er Fehler macht und – dass er mich auch immer wieder einmal enttäuscht. Unser Gründer geht davon aus, dass diese Enttäuschungen vom lieben Gott absichtlich inszeniert sind. Denn Gott will, dass wir mit unserer Liebe nicht beim Gegenüber stehen bleiben. Der Strom unserer Liebe soll letztlich zu Gott und in Gott hinein münden. Wo der Mensch, der mir gegenüber steht, unzulänglich ist, da verweist er mich auf Gott, der allein in jeder Hinsicht perfekt ist.
„Jetzt bist du dran“, das ist auch ein wichtiger Satz, wenn wir selbst an unsere Grenzen stoßen. Etwa in der Erziehung. Lieber Gott, wir haben die Zukunft unseres Kindes nicht in der Hand. Wir haben unseren Teil nach besten Kräften getan. Jetzt bist du dran.
Schließlich ein sechster Vorgang:
„Ich lebe, was ich sage“
Eine Grundvoraussetzung dafür, dass gesunde Beziehungen überhaupt entstehen und Bindungen wachsen können, ist Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit.
In der Ehe sprechen wir von ehelicher Reinheit. Wir sind echt in unserer Beziehung. Unsere Worte und unser Sein stimmen überein.
In der Erziehung ist die Wahrhaftigkeit von größter Bedeutung. Worte gegenüber unseren Kindern, die nicht von unserem Sein gedeckt sind, sind leere Worte. Sie bleiben wirkungslos.
Gerade die Menschen unserer heutigen Zeit haben ein sehr feines Gespür für Authentizität, für die Übereinstimmung von den Worten und dem Sein eines Menschen. Zu authentischen Menschen fühlt man sich hingezogen. Um sie herum können verlässliche und stabile Bindungen entstehen.
III.
L Liebe Familien, erlauben Sie uns zum Schluss noch ein Wort aus aktuellem Anlass. Wir können uns in der gegenwärtigen Situation der Kirche eigentlich nicht einen ganzen Tag lang mit personalen Bindungen befassen, ohne den vielfachen verbrecherischen Missbrauch von Vertrauen, von Nähe, von Beziehungen mit zu bedenken, der leider auch an vielen Orten in unserer Kirche stattgefunden hat. „Gefährliche Nähe“ lautete eine große Überschrift in der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 11. März dieses Jahres. Wie ist das mit unserer Bindungspädagogik, die man ja auch als „Liebespädagogik“ bezeichnen könnte? Wie geht das mit Liebe, mit personaler Bindung, mit personaler Beziehung in der Pädagogik? Die Erziehungswissenschaftler suchen zur Zeit nach eindeutigen und praktikablen Kriterien zur Verhältnisbestimmung von Nähe und Distanz in der Pädagogik.
Schauen wir noch einmal auf die eheliche Liebe als Lernort für die Gestaltung von zwischenmenschlichen Beziehungen im Allgemeinen. Als Eheleute haben wir uns am Tag unserer Hochzeit versprochen: „Ich will dich lieben, achten und ehren.“ Zur Liebe gehört die Achtung oder Achtsamkeit und die Ehrfurcht. Die Liebe drängt zur Hingabe, will grenzenlose Nähe, möchte sich ganz an den anderen verschenken. Die Liebe geht in einer gesunden Beziehung aber immer einher mit Ehrfurcht. Liebe und Ehrfurcht gehören zusammen, darauf macht unser Gründer immer wieder aufmerksam. Ehrfurcht hält aus, dass der Andere mir immer auch ein Fremder bleibt. Ehrfurcht erschrickt vor der Größe des Anderen. Ehrfurcht ist die Antwort auf die Würde, die dem anderen von Gott her zukommt. Ehrfurcht sorgt für ein gewisses gesundes Maß an Distanz zum anderen Menschen.
Und die Gegenbewegung, die Antwort auf die Ehrfurcht ist die Achtung, die Achtsamkeit. Sie nimmt den anderen in seiner Kleinheit, in seiner Verletzlichkeit und Schwäche wahr. Und sie respektiert den anderen, lässt ihn klein und schwach sein, ohne seine Schwäche irgendwie auszunutzen.
„Ich will dich lieben, achten und ehren.“ – Ein Programm für das Leben in der Ehe. Eine brauchbare Orientierung aber auch für das Verhältnis von Nähe und Distanz in der Erziehung. Eine christliche Erziehung ohne Liebe ist nicht denkbar. Aber genauso wichtig wie die Liebe ist die Ehrfurcht und die Achtung vor dem Kind. „Ich will dich lieben, achten und ehren“ – dieses Programm kann auch Maßstab für die Gestaltung unseres gesamten Bindungsorganismus sein, ja es bietet eine wertvolle Orientierung bei der Gestaltung aller Beziehungen zwischen Menschen.
Liebe Familien, für eine Einführung haben wir lange genug gesprochen. Wir wünschen Ihnen heute einen anregenden, einen lehrreichen und vor allem einen beziehungsreichen Tag.