Impuls von Heinrich Walter

Liebe Familien, liebe pfingstliche Gemeinde,

Ein Brausen erfüllte das ganze Haus in Jerusalem. Zungen wie von Feuer waren zu sehen. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und die Bewohner staunten. So ereignete sich die Geburtsstunde der Kirche auf einem Hintergrund vieler Völker und Sprachen. Und das ist auch die Vollendung der Menschwerdung Gottes, die sich im Wirken des Geistes zeigt. Sein Wirken hat begonnen in einem Haus in Nazareth. Der Hl. Geist sprach zu Maria, dann zu Josef. Später wirkte er im Haus von Ain Karem. Elisabeth erkannte das Wirken des Geistes in Maria und aus dieser brach der Lobpreis des Magnifikat hervor. In Kanaa in Galiläa war es anlässlich einer Hochzeit wieder ein Haus. Dort wurde Jesus erstmals öffentlich und die Jünger glaubten an ihn.

Gott spricht zu den Menschen in ihren Häusern. Diese Linie der Bedeutung unserer Häuser zieht sich durch das Leben Jesu und durch sein Wirken bis zum heutigen Tag.

1.      „Und erfüllte das ganze Haus“: Europa, das Elternhaus der Christen

Am Pfingsttag geschah die Offenbarung des Gottesgeheimnisses in aller Öffentlichkeit  von Jerusalem. Es wohnten dort fromme Männer aus vielen Völkern, heißt es. Hier unter uns im Jahr 2010 geht es um Europa. Das Haus Europa ist das Vater- und Mutterhaus der Christen, das Elternhaus, in dem sich das Christentum entfaltet hat. In Europa ist der Glaube zu einer Lebenskultur geworden und hat das gesamte gesellschaftliche Leben geprägt. Viele Völker wurden davon erfasst, die damaligen Hochkulturen der Griechen und Römer, die slawischen Völker, die Franken, die Angelsachsen, Alemannen und wie sie alle heißen. Vom Haus Europa aus wurde dieser Glaube zu den Völkern des ganzen Erdballs getragen.

Heute laufen wir Gefahr, daß im Elternhaus Europa der Glaube wie Sand in den Händen zerrinnt. Wir sind dabei, die Identität Europas, die aus der christlichen Wurzel wächst dem persönlichen und nationalen Egoismus und dem wirtschaftlichen Profit zu opfern. Im Miteinander für Europa zwischen den neuen Bewegungen der Kirche lebt die Erfahrung: „Jeder ist wie ein Lichtstrahl des Hl. Geistes in eine spezielle Nacht der heutigen Zeit.“ In diesem Miteinander haben wir den Ruf vernommen: „Europa steh auf!“ Unser Miteinander will ein Zeichen sein für die Einheit Europas und für die christliche Seele Europas. In den Grundlagen des Miteinander der Bewegungen heißt es: „Die Liebe ist bereit, die Lasten des anderen zu tragen und den anderen höher zu achten als sich selbst.“

Das ist die Haltung, mit der der Familienkongress durchgeführt wird. Sie bewirkt eine große Freude an der Vielfalt der Gaben Gottes und an der Buntheit der Kulturen. So wird das Pfingstfest von Jerusalem heute unter uns greifbar.

2.      „Und erfüllte das ganze Haus“: der Dreifaltige Gott

Das Pfingstfest ist eine Offenbarung des Geheimnisses, wer und wie unser Gott ist. Jesus verspricht im heutigen Evangelium, daß er den Vater bittet, den Beistand zu senden, der für immer bei uns bleibt. Dann erklärt er: wenn jemand mich liebt, wird mein Vater ihn lieben und wir werden bei ihm wohnen. Das können auch die Kinder unter uns verstehen. Gott ist Vater, der mit seinem Sohn bei uns wohnt. Und dadurch wird ihr guter Geist des In- und Miteinander auch unser Leben prägen. Jesus sagt im gleichen Satz, dass das nur unter uns geschehen kann, wenn jemand ihn liebt, denn „dann werden wir bei ihm wohnen“.

Der Hl. Geist ist das, was zwischen Vater und Sohn strömt, die Ehrfurcht, die Liebe, die Hingabe. Es geht um Beziehung und Bindung zwischen den Personen unseres Gottes. In dem Bestseller „Die Hütte“ wird dieses Miteinander von Vater, Sohn und Hl. Geist aus menschlicher Brille beschrieben. Es ist ein mutiger Versuch, in dem ein Mensch mit Namen Mack ein Wochenende mit der Dreifaltigkeit in einer Hütte im Wald zubringt. Das Haus der Dreifaltigkeit ist erfüllt von einem Liebesineinander, das zum provozierenden Spiegel wird für die eingebildete Unabhängigkeit von Mack. Er solle nach Beziehung Ausschau halten, denn Prinzipien und Regeln würden ihn nie lieben.

Liebe Familien, das offene Fenster für die Offenbarung dieses Liebesineinander Gottes ist die Mutter Jesu. Durch ihr Jawort in Nazareth begann der ganze Prozess der menschlichen Sichtbarmachung, wer Gott ist. So wie damals tut sie das auch heute. Im Bündnis der Liebe hilft sie uns, nach ihrem Vorbild alles weit zu öffnen für das Wirken des Geistes. Maria ist das Haus, in dem sich der dreifaltige Gott uns Menschen zeigen konnte und auch heute neu zeigt. Wo Maria ist, da kann deshalb der Hl. Geist auch leichter wirken.

3.      „Und erfüllte das ganze Haus“: unsere Familie

Zum Schluss schauen wir auf uns, auf unsere Familie und unser Haus. Denn dafür hat Gott ja alles so gemacht. Im Leben des Ehepaares und im Leben der Familie können wir eine Ahnung bekommen vom Haus Gottes mitten unter uns. Unser Familienhaus ist heute der Pfingstsaal, wo die Gaben des Geistes ausgegossen werden. Unser ganzes Haus wird erfüllt, wenn wir es an uns geschehen lassen. Die Familie ist der bevorzugte Ort, an dem durch das Sakrament der Ehe und durch das Hausheiligtum das Zelt Gottes aufgerichtet ist. Wenn es nicht im Alltag der Familie geschieht, dann wird es nirgendwo richtig geschehen. Pfingsten muss sich heute neu mitten in der Welt ereignen. Es geht nicht um die steinernen Tempel, es geht zuerst um Beziehungen, um Bindungen, um liebendes Annehmen und angenommen werden. In dieser Liebe nimmt dann der himmlische Vater mit seinem Sohn Platz unter uns. Er wird Mitbewohner in unserem Haus.

Paulus schreibt das so plastisch an die Gemeinde von Korinth: Das sei wie beim Organismus eines Leibes, wo alles zusammenhängt, alles aufeinander angewiesen ist, keiner wichtiger ist und jeder den anderen erst einmal höher schätzt. Wir kennen diese Gegenseitigkeit und Angewiesenheit aufeinander. Wir kennen die besonderen Stunden in unserer Familie, wenn unser Haus erfüllt ist vom Geist. Das ist, wenn wir mit einem Glanz in den Augen sagen, wie schön es heute unter uns ist. Das ist dann, wenn alles Wichtige von alleine geschieht. Das ist dann, wenn ein Wort der Entschuldigung leicht und echt über die Lippen huscht und wenn man keine Worte mehr braucht, sondern man intuitiv begreift, was gerade geschieht. Das ist dann, wenn die Zettel still in den Krug wandern und im Herzen die einfachen Gebete aufsteigen.

Das wird uns immer dann geschenkt, wenn wir in der Gestaltung der Beziehung die Würde des anderen ehrfürchtig achten und den eigenen Anspruch zurückstellen. Je mehr wir in den Augen der Mitmenschen den Blick Gottes erkennen können, umso mehr werden wir die Beziehungen nach seinem Urbild gestalten können.

Dann können wir mit den Worten P. Kentenich´s am 31.5.1949 sagen:

„Die Gottesmutter hat uns einander geschenkt. Wir wollen einander treu bleiben: ineinander, miteinander, füreinander im Herzen Gottes…Wir sind beieinander, um uns gegenseitig zu entzünden...Es ist ein Liebesineinander von Mensch zu Mensch, ein ewiges Liebesineinander. Und ineinander und miteinander werden wir dann die liebe Gottesmutter und den dreifaltigen Gott schauen.“