Vortrag von Pater Heinrich Walter

Referat beim Trägerkreis „Miteinander für Europa“

am 10. November 2010 in Schönstatt

P. Heinrich Walter
Schönstatt Bewegung

Impulse für eine Neugeburt Europas


Liebe Freunde im Miteinander für Europa!
Wir sind schon 10 Jahre miteinander unterwegs für Europa. Diese Weggemeinschaft verbindet uns. Wir haben den Ruf Gottes vernommen und sind ihm gefolgt. Am Beginn unserer Begegnung vergewissern wir uns, wie Gott uns bisher geführt hat. Wir haben erkannt, dass jede Bewegung und Gemeinschaft ein Lichtstrahl Gottes ist in der Nacht der Zeit, wie Chiara Lubich es nannte. Wir haben im ökumenischen Miteinander manches zurückgelassen: eigene Vorstellungen und Ansprüche, manche Vorurteile und Ängste. Wir haben Gräben überwunden und sind Freunde geworden. Das hat uns zu einem Bündnis der gegenseitigen Achtung und der Liebe geführt. Aus der Perspektive der Liebe sind die Trennwände der Unterschiede durchsichtig geworden, und wir haben gegenseitig große Reichtümer entdeckt. Unsere Erfahrung ist, dass im Miteinander der Charismen Christus in seiner Fülle sichtbarer wird. Es zählen nicht äußere Dinge wie Leistung, Verbreitung oder Größe einer Bewegung oder Gemeinschaft, sondern dass jeder Träger einer Gabe des Geistes ist. In dieser Gemeinsamkeit haben wir öffentliche Zeichen gesetzt in München und Stuttgart und in vielen anderen Städten in Europa.
Unterwegs ist uns im gemeinsamen Handeln viel geschenkt worden. Die Sätze der „Grundlagen unseres Miteinander“ sind keine Theorien, sondern die reflektierte Erfahrung des gemeinsamen Weges. Das macht uns stark. Auf diesen Grundlagen sind Einsichten und Anliegen gewachsen, die wir gemeinsam teilen: dass Gott sein Volk sammeln will zu seiner Familie aller Glaubenden. Wir haben uns das Testament Jesu zu Eigen gemacht, dass alle eins seien, damit die Welt glaubt. Wir schauen mit den Augen Gottes auf den Menschen in seiner unantastbaren Würde. Wir haben Europa in den Blick genommen und eine Verantwortung gespürt, den Völkern im gemeinsamen Europa mehr Seele zu geben. Andrea Riccardi hat uns 2004 aufgefordert: „Europa steh auf!“ Das passive friedliche Zusammenleben mit stabilisierenden Kompromissen genügt nicht. Wir vermissen in Europa die nährende Seele, die Vitalität für Initiativen und die Vision für die Zukunft. So sind vor drei Jahren in Stuttgart die 7 Ja als Ausdruck unserer Mitverantwortung entstanden.
Unsere Art des „Miteinander“ ist ein Zeichen der Hoffnung. Achtung und Ehrfurcht führen zur gegenseitigen Würdigung. Die Liebe als Gabe Gottes schafft ein unzerreißbares Band. Deshalb schauen wir nicht auf das Trennende zwischen Katholiken, Protestanten, Orthodoxen und Freikirchen, sondern suchen das, was uns verbindet. Wir stellen immer wieder fest, dass uns sehr viel verbindet. Das Bündnis macht uns stark für eine Verantwortung, in der die unterschiedlichen Gaben in Synergie für Europa fruchtbar werden.

(Fortsetzung auf nächster Seite)

Fortsetzung

Aus dem Bündnis der Liebe soll eine Bündniskultur in Europa wachsen. Sie zeigt sich in einer neuen Mentalität des Denkens und des Umgangs miteinander. Es entstehen Verbindlichkeit, Verknüpfungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Modelle für kulturelle Integration. Aus Gleichgültigkeit und einer Mentalität der Versorgung durch den Staat soll auf diesem Weg die Verantwortung für die Völkergemeinschaft wachsen. Daraus können wunderbare Werke entstehen, aber das eigentliche Werk ist die Kultur unseres „Miteinander“, unsere Bündniskultur.
Neu geboren werden, um das Reich Gottes zu sehen (Joh 3,3)
Wir haben von Anfang an immer auf das Evangelium gehört und uns vom Herrn Worte schenken lassen. Seine Worte geben Sicherheit und prophetische Kraft. Eine Begegnung mit Jesus im Evangelium nach Johannes möchte ich an den Anfang stellen. Im 3. Kapitel wird von Nikodemus berichtet, einem führenden Mann der Juden. Er kommt nachts zu Jesus und sucht das Gespräch. Er sagt zu Jesus: „Niemand kann die Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist.“ Jesus antwortet: „Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Und Nikodemus reagiert mit dem Zweifel: „Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden?“ Daraufhin Jesus: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Nikodemus will dann wissen, wie das geschehen kann. Jesus antwortet: „Was wir wissen, davon reden wir, und was wir gesehen haben, das bezeugen wir, und doch nehmt ihr unser Zeugnis nicht an.“ In Vers 16 fügt Johannes die großartige Aussage über die Sendung Jesu an: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“
Diese Begegnung können wir lesen als ein Wort an uns auf dem Hintergrund unserer Situation in Europa. Der alte Europäer kommt wie der Nikodemus zu Jesus. Er kommt fast heimlich in der Nacht. In einer Nacht der Angst, den sicheren Wohlstand zu verlieren. Er kommt mit der Unsicherheit in einem Prozess der Schwächung der Macht und der Einflussveränderungen auf dem Globus. Er kommt mit Müdigkeit und Visionslosigkeit zu Jesus. Die christliche Wurzel, die dem Europäer ein Bewusstsein der Erwählung und Mission gegeben hat, ist verkümmert. Demgegenüber sieht er den Aufbruch in Asien und die Vitalität der afrikanischen Völker. Die Folgen der Verunsicherung zeigen sich in den gesellschaftlichen Krisen dieser Jahre bis zur demographischen Entwicklung in unseren Ländern. Sie zeigen sich auch in den Kirchen. „Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“
Europa muss aus der alten Wurzel neu geboren werden. Es geht um eine Neugeburt aus dem Geist. Geist und Leben haben den Vorrang. Alles Materielle, die Wirtschaft, die Politik, die Gesetzte müssen daraus genährt werden. Wenn uns Jesus diese Worte heute sagt, reagiert der alte Europäer genauso wie Nikodemus: Wie soll das geschehen? Und Jesus wird ihn staunend anschauen: Und du bist der Lehrer der Welt gewesen und verstehst das nicht? In unserem Miteinander kann die Reaktion anders sein. Wir kennen die Neugeburt aus dem Geist. Am Beginn unserer Gemeinschaften stand genau ein solcher Vorgang. Darin hat sich jeweilsmitten in Europa eine Neugeburt ereignet. Aus dem kleinen Keim wurde unseren Gründungen ein Charisma als Gabe von Christus geschenkt. Was wir gesehen haben, das bezeugen wir. Deshalb konnte Johannes Paul II. an Pfingsten 1998 sagen: Ihr seid die Antwort des Heiligen Geistes auf die Herausforderungen der Zeit.
Wir schauen auf den Kontext der Geschichte des Abendlandes. Im alten Europa entstand eine Weltgestaltung aus dem Geist Christi. Das Christentum hat eine große Kultur hervorgebracht. Wie ein Sauerteig hat der christliche Glaube jahrhundertlang das gesellschaftliche und kulturelle Leben durchwirkt. Wir nennen es die Berufung des christlichen Abendlandes. Es ist ein Ineinander entstanden zwischen der geistlichen und der geschöpflichen Wirklichkeit. Bei Heinrich Seuse (+1366) las ich in diesen Tagen: „Wenn etwas in deinem Gemüte aufsteht, so bringe es geschwind Gott dar, dass es zu meinem Lobe diene, denn ich bin ein Herr der Natur und der Gnade; so wird dir jetzt die Natur zur Übernatur.“ Aus einem missionarischen Bewusstsein sind viele Generationen aufgebrochen zu anderen Völkern, um das Licht des Glaubens an Jesus Christus zu bringen. Diese Sendung gehört zur Identität Europas. Man kann diese Berufung auch verlieren. Wir wissen, dass in diesem Namen auch viel Zerstörung entstanden ist, deren Folgen wir heute noch sehen. Wir schämen uns, wenn wir mit dieser Perspektive auf die Völker Afrikas schauen. Es geht nicht darum, den Lauf der Geschichte zu beurteilen. Wer kann sich hineindenken in das Lebensgefühl damaliger Jahrhunderte und das Handeln der Menschen verstehen? Heute geht es um eine Neugeburt, damit die Berufung Europas wie eine erste Liebe neu entfacht wird. Wie soll der interkulturelle Dialog gelingen, wenn wir keine eindeutige Identität haben? Wie soll der Dialog mit den anderen Religionen fruchtbar werden, wenn der eine Partner nicht richtig weiß, wer er ist? Wir haben in diesem Jahr an die Erklärung von Robert Schumann vor 60 Jahren gedacht. Es ging ihm darum, dass schon kurz nach dem 2. Weltkrieg eine Vision für die gemeinsame Zukunft entsteht: ein lebendiges Europa, das einen unerlässlichen Beitrag für den Frieden leisten wird. Seither ist uns eine erstaunlich lange Zeit des Friedens geschenkt, die ihren bisherigen Höhepunkt im Fall der Mauer in Berlin hatte. Gleichzeitg beobachten wir, dass sich dieser Friede immer deutlicher auf eine rein materialistische Grundlage konzentriert in einer mehr und mehr horizontalen Gesellschaft. Der zentrale Wert der Freiheit ist zur Beliebigkeit geworden unter dem Mantel der Toleranz. Mit dem Verlust der Väter in der Gesellschaft entsteht immer deutlicher eine Auflösung des traditionellen Autoritätsverständnisses. Die Demokratie wird bestimmt von steuerbaren Mehrheitsfeststellungen durch Umfragen. Die Identität Europas ist nicht zu benennen ohne die christliche Wurzel und deren zentralen Grundwerte. In diesem Kontext möchte ich drei Elemente einer solchen Neugeburt anführen.
Neugeburt durch das Zeugnis über die Gotteserfahrung
Jesus spricht von der Neugeburt aus dem Geist. Gott hat man nie für immer, auch nicht ein geschenktes Charisma. Immer wieder muss es in uns neu werden, auch in den Gemeinschaften und in unserem Miteinander. In der Schönstatt-Bewegung stehen wir in einem solchen Vorgang. Wir zählen uns zu den ältesten der neuen Bewegungen und werden in einigen Jahren das zweite Jahrhundert unserer Geschichte beginnen. Uns ist bewusst geworden, dass wir den Geist des Ursprungs und die Vision des Anfangs wachrufen müssen, damit alles, was bis heute geworden ist, aus diesem Geist noch einmal ganz vital und neu wird. Am Anfang stand eine Gotteserfahrung. Der lebendige Gott sprach in kleinen Zeichen zu einem jungen Priester und dieser öffnete sein Herz und glaubte. In unserer Sprechweise reden wir vom Hereinbruch des Göttlichen, von einer göttlichen Initiative, die sich im Leben und Arbeiten P. Kentenichs ereignet hat. Gott spricht. Er ist hörbar, vernehmbar. Er handelt nicht ohne unser Mittun. Deshalb sind Maria und die Stunde ihrer Berufung für uns wichtig. Sie ist für uns das Modell dieses hörenden, glaubenden, um Erkenntnis ringenden und mit Gott mitwirkenden Menschen. Es war die Gnade, pure Gnade, die ihr zuteil wurde. Es war aber auch ein Dialog, und ihre Zustimmung war entscheidend für das Handeln Gottes in der Menschwerdung. Wenn unsere Bewegung die volle Vitalität erhalten will, dann nur, wenn die Neuwerdung aus der Urquelle geschieht und wenn sie in der jungen Generation geschieht quer durch alle Kontinente.
Eine Neugeburt Europas ist zuerst im Horizont der Gottesfrage zu sehen. Neuwerdung im Hl. Geist geschieht durch die Erfahrung, dass Gott spricht, dass Gott die Geschichte führt als eine Geschichte des Heils. Hier sehe ich den großen Reichtum in unseren Gemeinschaften. Wir erleben ihn besonders deutlich auf dem Hintergrund der eigentlichen Armut auf unserem Kontinent. Sie zeigt sich in der Sprachlosigkeit, wenn es um die Religion, die Erfahrungen mit Gott geht. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit der ersten Priorin des Casteller Ring. Sie sprach von der radikalen Gegenwart Gottes, die sie auf dem Schwanberg als Jugendliche erlebt habe. Da wollte sie bleiben. Hier setzt unser Miteinander für eine solche Neugeburt Europas an. Ich führe das nicht weiter aus, da P. Lothar Penners uns nachher hineinführen wird in eine Methode, wie wir gelernt haben, auf Gottes Führung zu hören.
Neugeburt in der Gestaltwerdung eines neuen Menschen (Eph 4,22; Kol 3,10)
Zu Beginn der Neuzeit wurde der Wandel vom theozentrischen zum anthropozentrischen Weltbild vollzogen. Martin Luther hatte die existentielle Frage, wie ich einen gerechten Gott finden kann. Die Frage nach dem Menschen ist immer drängender geworden. Wir stehen am vorläufigen Höhepunkt der Entwicklung der anthropologischen Fragen. Es steht viel auf dem Spiel, denke ich. Wann beginnt das Leben? Hat der Mensch das Selbstbestimmungsrecht über die Beendigung des Lebens? Wer ist der Mensch? Gibt es ein Idealbild des Menschen? Wie bildet er seine Identität? Lebensgeschichte und Glaubensgeschichte stehen oft unverbunden nebeneinander.
Identität kann entstehen, wenn die psychosoziale Dynamik der Entwicklung der Person eine Einheit findet mit der spirituellen Kraft der Werte. Das geschieht auf dem Hintergrund eines kollektivistischen Geistes, der von Interessengruppen im Medienzeitalter klug gesteuert wird. Da nur ein geringer Prozentsatz in einem intakten Familiengebilde aufwächst, gibt es zu dieser öffentlichen Steuerung kaum ein Gegengewicht. Viele sind allein gelassen, selber eine Balance zu finden zwischen den Überichs, den tausend Möglichkeiten der offenen Gesellschaft und den eigenen Antrieben und Wünschen. Es ist viel von Selbstverwirklichung die Rede, oft bleibt sie im Narzissmus stecken. Wir beobachten auch, dass die Bekehrung eines modernen Menschen, wie wir es gerade in den charismatischen Gemeinschaften erleben, nicht sofort gleichbedeutend ist mit einer gelungenen und stimmigen Lebensführung. Der Mensch ist zu komplex, als dass mit einem Geisterlebnis sofort alle Ebenen der menschlichen Existenz durchdrungen werden könnten. Es ist oft ein langer Weg, bis die Identität eines gläubigen Menschen richtig ausreifen kann.
Im christlichen Menschenbild der unverfügbaren Würde und Einmaligkeit jedes Menschen haben wir die Ressource für die Gestaltwerdung eines neuen Menschentyps. Er soll in der Zerfaserung der modernen Gesellschaft sein Leben von innen heraus frei gestalten können. Es ist ein Anruf der Zeit, Lebensschulen mit einer Pädagogik zu schaffen, die der Jugend eine klare Identitätsbildung als Mann und Frau ermöglichen.
Unserer Bewegung hat begonnen mit Internatsschülern, die in ihrem Herzen den Schrei nach Freiheit hatten. Die Erziehung am Beginn des 20. Jahrhunderts war geprägt von Pflicht und drakonischer Strafe. Die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung war der Stoff, aus dem P. Kentenich seine Pädagogik entwickelt hat. Er sprach von der wahren Freiheit des Menschen. Als geliebtes Kind Gottes kann er sich selbst bejahen und entschieden sein Leben gestalten. Er entwickelte Mittel zur Selbstgestaltung des Lebens und zur Selbsterziehung der eigenen Persönlichkeit. Alles war verbunden mit einer starken religiösen Verankerung. Im Chaos des ersten Weltkrieges bewährte sich seine Erziehungsschule bei den jungen Soldaten. Durch ihr Zeugnis entstand dort die Verbreitung des beginnenden Schönstatt. In seiner Erziehungswerkstatt entstanden Werkzeuge für die Identitätsfindung, wie z.B. die Arbeit mit einem Persönlichen Ideal. Das bedeutet, dass jeder auf den Anruf Gottes hört, weil er ihm seine Einmaligkeit verdankt. Gleichzeitig nimmt er die eigenen Seelenkräfte ernst, die vom Schöpfer in ihm angelegt sind. Daraus bekommt die Einmaligkeit einen Namen, eine Mitte, eine Berufung. Sie wird ausgedrückt in einemWort, in einem Bild, einem Symbol und bleibt der sichere rote Faden einer Lebensgeschichte. Es ist ein pädagogischer und psychologischer Prozess nötig, der alle Seelenkräfte, auch das Unterbewusste integriert, damit eine sichere, persönliche Identität aufgebaut werden kann, die nicht von außen übergestülpt ist. Es geht um eine freie Persönlichkeit, die vom Geist einer Berufung durch Gott erfüllt ist, gleichzeitig die Kräfte der Tiefenseele erfasst hat und alles mit einer eindeutigen Wertorientierung verbindet. Es ist der Mensch, der sich geliebt weiß, der sich in aller Gebrochenheit bejaht und sich deshalb in Freiheit binden kann. Der neue Mensch soll ein beziehungs- und bindungsfähiger Mensch sein, der in der Lage ist, sich an ein „Du“ hinzugeben, ohne sich dabei zu verlieren. Wir sehen die Herausforderung solcher Lebensschulen für einen neuen Menschentyp. Die Erarbeitung der eigenen Mitte geschieht z.B. noch einmal in der Ehe, wenn die beiden Partner ihr Ehe- und Familienideal erarbeiten. Darin verbindet sich die intuitive Gemeinsamkeit in der Liebe der Partner mit der Reflexion über den eigenen christlichen Stil in einer andersdenkenden Umgebung. Das stärkt die Identität als christliche Familie.
Hier möchte ich noch ein Wort über unsere Erfahrung mit Maria sagen. Gott hat das Beste in sie investiert, damit sie würdig sei, die Mutter des Erlösers zu sein. In ihr verbindet Gott das Menschliche mit dem Göttlichen wie bei keinem anderen Menschen. Daran dürfen wir uns freuen. Für uns ist sie das unverdorbene Konzept Gottes vom Menschen. Sie ist der neue Mensch, der uns vorlebt, wie man mit Christus eins sein kann. In unserer eben erwähnten pädagogischen Arbeit erleben viele von uns, dass Maria als eine Pädagogin wirkt. In ihrer Nähe werden erzieherische Prozesse angestoßen zur Gemütsbildung. Viele erleben sie als Stütze in den Prozessen der Reifung und in der Tiefe des Glaubens bis zur Nachfolge unter das Kreuz des Herrn. Wir sehen sie als freie, selbständig denkende Frau, die entschieden und froh auf den Wunsch Gottes eingeht. Johannes erzählt bei der Hochzeit in Kana von ihrer aktiven Mitgestaltung im Leben Jesu. Sie ist die bindungsfähige Frau, die mit Johannes beim Kreuz stehen bleibt. Sie ist vielen die Wegbegleiterin, um in Jesus ganz offen zu werden für das Wirken des Geistes und ein Ja zu finden zum Willen des Vaters. Das II. Vatikanum beschreibt Maria im letzten Kapitel von „Lumen gentium“ im Kontext des Geheimnisses Christi und der Kirche. Sie ist in allem ganz Christus und der Kirche zugeordnet. Die Konzilsväter sprechen von ihr als dem Typus und klarsten Urbild im Glauben und in der Liebe. In unserer Bewegung steht sie nie allein, sie ist immer mit Jesus als Kind auf dem Arm oder unter dem Kreuz in Solidarität mit dem Gekreuzigten. Dieses Geheimnis erleben wir als sehr hilfreich in den modernen pädagogischen Herausforderungen.
Neugeburt durch Stärkung stabiler Familien
Die Herausforderung der Gestalt eines neuen Menschen führt uns letztlich zur Familie. Sie ist der erste Lernort für das Menschsein. Die Familie ist nicht nur ein traditioneller Wert, sie ist das Fundament der Gesellschaft. Viele unserer Gemeinschaften haben sich in diesem gemeinsamen Anliegen gefunden. Europa hat keine Zukunft ohne starke Familien. Die Familien generieren die Zukunft eines Volkes. Stabile Familien werden auch eine Gesellschaft stabilisieren. Wenn wir an eine Neugeburt Europas glauben, dann müssen wir uns für die Familie einsetzen. Viele von uns haben in anderen Kontinenten erlebt, wie die Kinder und Jugendlichen die Hoffnung darstellen und die Vision eines Volkes nähren. In meinem Haus wohnen seit zwei Monaten 20 junge indische und afrikanische Theologen. Sie kommen oft geschockt nach Hause: Wo sind die Menschen? Wo sind die Kinder? Euch fehlt die Hoffnung auf Zukunft!
Die Neugeburt Europas beginnt ganz klein. Sie hat in unseren Herzen und in unserem Miteinander schon begonnen. Wie können wir dieser Neugeburt zum Durchbruch verhelfen?
Aktionen müssen zu einem Lebensstrom führen
Ich erinnere mich an ein Wort von Mahatma Gandhi, das ich in Indien in einem Museum las: „Ein kleiner Organismus von entschiedenen Geistträgern ist in der Lage, den Lauf der Geschichte zu ändern.“ Mit den 7 Ja haben wir die gesamte Gesellschaft vor Augen. Das gibt jedem von uns eine große Freiheit, da oder dort etwas mit einer anderen Gemeinschaft zusammen zu tun. Das verstehen wir im föderativen Miteinander. Aktionen wie Stuttgart 1 und 2 sind Ausdruck eines Weges. Sie erzeugen aber nicht automatisch eine Nachhaltigkeit im Sinn einer Neugeburt Europas. Wenn es gelingt, einen starken Lebensstrom so zu fördern, dass er eine Mentalität schafft, dann kommt ein Anliegen auch in der Gesellschaft zum Durchbruch. Denken wir an die Strömung der Ökologie. Sie begann mit Einzelaktionen in den 70er Jahren. Sie hat das Leben der Gesellschaft erfasst, die Politik wesentlich mitbestimmt und eine Wirkung erreicht bis in den Kindergarten. Sie prägt unser Bewusstsein und das tägliche Handeln. Aktuell erleben wir bei dem „gender mainstream“, wie eine Strömung entsteht und auch klug inszeniert wird durch eine starke Lobby. In der offenen modernen Gesellschaft entstehen Lebensströme wie die Flüsse einer Landschaft. Das Wasser folgt dem Gefälle der Landschaft und sammelt sich in den Flüssen. Von dort wird das Landschaftbild geprägt und die Fruchtbarkeit des Landes gesichert. So gibt es auch die gesellschaftliche Landschaft. Sie hat ein Gefälle. Darin entwickeln sich geistige Ströme, Ströme der öffentlichen Meinung und auch geistliche Ströme. Manche sind kurz und verschwinden wieder, andere setzen sich durch und gestalten das Leben. Es gibt einige entschiedene „Geistträger“, die strategisch und klug solche Ströme ans Fließen bringen. Wenn so eine Strömung genügend Gefälle in der Landschaft findet und genügend Mitwirkende, dann ist der Strom nicht aufzuhalten. Unsere Verantwortung für Europa kann uns ermutigen, einen solchen Lebensstrom in den Blick zu nehmen. Er muss dann von allen Seiten genährt werden, jeder trägt bei, was er kann. Die Kunst ist, das Gefälle in der Gesellschaft zu erkennen, die Zeichen der Zeit, damit man den Strom zum Fließen bringen kann. Wenn uns das bei einem der 7 Ja gelingt, dass das breite Kreise erfasst, dann wird unser kleiner Organismus von entschiedenen Geistträgern den Lauf der Geschichte in Europa mitgestalten können. Das ist unser aller Hoffnung.
Stellen wir uns vor, es gelänge uns, mit dem Anliegen der Familie einen solchen Strom zu bilden und das Thema in der Öffentlichkeit zu besetzen. Viele Initiativen wie die Marriage week, das Elternkolleg etc. müssen mit den Medien verbunden werden und auch die politische Schicht erreichen. Dazu reicht nicht eine Aktion, das muss ein jahrelanger Prozess sein mit ständigen klug überlegten Beiträgen auf allen Ebenen. Das kann nur gelingen, wenn einige von uns eine besondere Berufung erkennen, ganz dafür zu arbeiten. Manchmal macht mir Sorge, dass uns von Gott ein großer Schatz geschenkt ist, der in den Händen wieder zerrinnt.
Stellen wir uns vor, es gelänge uns, das Jahr 2017 hier in Deutschland jetzt schon positiv mit dem Anliegen der Einheit zwischen den Konfessionen zu besetzen. Wir müssten Schritt für Schritt durch Gespräche, Einladungen, Initiativen und Aktionen breite Kreise einbeziehen, damit daraus ein Lebensstrom wird, der die öffentliche Meinung mitprägt. Die unter uns, die mit Politik und den Medien zu tun haben, wissen, wieviel Lobbyarbeit dafür zu leisten ist. Wenn wir es nicht tun, dann tun es andere in ihrem Sinn.
In allem geht es uns um eine geistige und geistliche Neugeburt Europas. Dafür macht uns das Wort von Gandhi Mut: „Ein kleiner Organismus von entschiedenen Geistträgern ist in der Lage, den Lauf der Geschichte zu ändern.“